Markus trägt Flanellkariertes und eine Haartolle. „Warte, da frag ich mal“, kündigt er an und verschwindet. Während er fragt, schließt Zarah, 4, mit mir Freundschaft, ihr Sprungseil in der Hand. Dann steht Christiane in der Tür. Ich setze noch mal an. „Hey, du schreibst doch nen Blog, oder“, unterbricht sie mich, als ich nur meinen Namen sage, und tippt mit dem Zeigefinger in meine Richtung. „Den hab ich gelesen, find ich super, komm rein!“ Ich finde Christianes Kleid super, etwas TiefMarineBlusenManschettenÄrmelWeitbauchiges, außergewöhnlich, geschmackvoll, stylisch. Cool. Einfach cool.
Und dann auch noch ihre Küche. Ehemals Berliner Zimmer, riesig, Dielen, ein langer Holztisch in der Mitte, darauf ein bemooster Adventskranz aus dem tollsten Blumenladen hier in der Gegend (hab ich auch schon wehmütig betrachtet. Aber mein Küchentisch ist zu klein dafür), silbern gesprühte Weinkisten als Regalelemente an der Wand, eine plakatgroße HinterGlasFotografie lehnt am Boden: Hagebuttengesträuch in Nah. Zarah zapft mir an dem IchKannCrushedIceMachenKühlschrank gekühltes Wasser. (Danke). Und schreibt mir mit Kreide ihren Namen auf die tafelbelackte Wand. Im anliegenden Zimmer schaut Aaron, 11, Zeichentrick. Unter einer gewaltigen Deckenlampe. Design, ganz klar. Design und Style.
Christiane setzt sich mir gegenüber. Ihre Augen strahlen. Nein. STRAHLEN. Das erste Wort, das mir zu Christiane einfällt: lebendig. Und herzlich. Herzlich, weil glücklich.
„Ich bin Art Directorin und habe eine kleine Agentur“, erzählt Christiane, „also – die Manneskraft ist klein, aber in der Bedeutung ist sie schon recht… groß“, präzisiert sie und lacht, „Markus ist Fotograf, und ich habe, weil ich es schon immer wollte, ein Magazin herausgegeben: I LOVE YOU, ein Mode- und Designmagazin. Darin versuche ich, Blog und Print zu verknüpfen, weil das Magazin aus einer Zeit heraus entstand, in der gerade die Blogs aufkamen – und ich gemerkt habe, dass es da 23Jährige gibt, die über Mode bloggen, die das nicht studiert, aber trotzdem Ahnung haben – und dass dieses Konzept, Mode nicht aus fachlicher Perspektive, sondern aus der des Endverbrauchers heraus zu beschreiben, wesentlich spannender ist und auch besser funktioniert.“
„Wir kamen vorher aus Frankfurt, Markus und ich haben uns im Studium kennen gelernt, und sind 2001 nach Berlin gezogen, als Aaron unterwegs war. Wir hatten erst überlegt, nach New York zu gehen, aber das schien uns mit Kind dann doch zu kompliziert, und dann war da gerade diese Aufbruchstimmung, dass alle nach Berlin gingen und in Berlin schien einfach vieles machbar zu sein, und so sind wir also hierher gezogen.“
„Als dann Zarah unterwegs war, haben wir hin und herüberlegt, wie wir es mit den Zimmern machen – aber die beiden sind einfach zu weit auseinander, um sich ein Zimmer teilen zu können. Und alle Wohnungen, die wir uns angesehen haben, waren das gleiche, was wir schon hatten, nur wesentlich teurer. Ein Zimmer mehr nur, dachten wir, eins nur, das wär’s.“
Und eines Tages hab ich die Nachbarn von nebenan getroffen, und die meinten zu mir: ach, wir wollten euch noch sagen, dass wir ausziehen. Und ich: (Christiane nickt anteilnehmend) oh, das ist aber schade. Und dann bin ich sofort hochgerannt, zu Markus: wir müssen sofort den Vermieter anrufen, wir müssen sofort den Vermieter anrufen – und es hat geklappt! Und der Vermieter hat uns sogar den gleichen Preis gemacht, wie den, den die vorher gezahlt haben, dafür, dass wir die Wohnung so genommen haben, wie sie war. Ich kann sie dir ja mal zeigen.“
Christiane führt mich in den „Kinderflügel“. „Hier haben wir den Durchbruch gemacht. Hier ist das Gästezimmer, wenn die Großeltern zu Besuch sind. Hier sind die Kinderzimmer.“ Im Flur liegt silberner Tanzboden, Zarah dreht eine Pirouette. Das sieht alles fabelhaft aus, sag ich, da habt ihr ja Glück gehabt. „Ja, und wie“, lacht Christiane, „man muss nur lang genug warten, dann ergibt sich schon alles irgendwie.“
„Jetzt im Januar kommt unser zweites Magazin heraus, ein Reisemagazin, das sich mit Designhotels befasst. Dafür haben wir als Familie Urlaub gemacht – nicht ganz uneigennützig, das Konzept – und zwar in Indonesien, weil da die meisten Designhotels sind. Allerdings kann man als Pressemensch nicht länger als ein, zwei Nächte in so einem Hotel bleiben (also, bleiben schon, nur dann eben nicht mehr kostenlos. Schluck.) – das hieß also, einziehen, ausziehen, einziehen, ausziehen, das war, gerade mit Kindern, etwas stressig. Aber zum Glück waren das alles gehobene Hotels, so dass uns wenigstens das Gepäck von einem Hotel ins nächste gefahren wurde. Das war schon viel wert, mit zwei Kindern und der Fotoausrüstung hatten wir einfach viel Gepäck.“
„Darüber hab ich auch gebloggt. (LESEN!) Und das war teilweise ganz schön anstrengend, erleben und aber abends dann auch noch über das Erlebte bloggen. Aber schließlich sollte ja auch was dabei rauskommen.“ Rauskommen wird im Januar jedenfalls das erste Heft.
Christiane geht noch extra mit mir nach unten, um aus dem Auto ein I LOVE YOU Exemplar zu holen, phantastisches, verrücktes, eigenwilliges Magazin, ich mag es schon, als ich es in die Hand nehme. (Schon rein haptisch. Ist nämlich nicht gewöhnlich Hochglanz, ist unbehandeltes Papier. Der Inhalt ist Hochglanz.) Und merkst du eigentlich was von wegen Anti-Yuppie, frag ich noch. „Pfff“, Christiane wirft den Anti-Yuppie aus dem Handgelenk über die Schulter, „in meinem Umfeld überhaupt nicht, da sind sowieso alle offen. Ach, aber ich war mal auf einem Kindergeburtstag, mit Eltern, da war Zarah noch jünger, da war das noch MIT Eltern, und da kam raus, dass Zarah in Mitte in die englischzweisprachige Kita geht – weil wir immer noch am Überlegen sind, ob wir nicht doch nach New York ziehen, und weil wir so viel unterwegs sind, dass Englisch einfach zu unserem Alltag dazu gehört, da war es uns einfach wichtig, dass die Kinder auch englisch lernen – und da hab ich gespürt, wie bei einer Mutter, die da war und die mich nicht kannte, die Ablehnung wuchs und wuchs. Und sie ließ auch ein paar Kommentare in der Richtung fallen. Aber das nehm ich mit Humor und sag dann: klar, ich sitz auch den ganzen Tag nur rum und trinke Latte Macchiatto.“

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins