An manchen Tagen – und ich kann nicht genau sagen, was genau diese Tage ausmacht, (vielleicht bin ich an diesen Tagen ausgesprochen masochistisch aufgelegt, mag sein, wer weiß, warum auch nicht) – an manchen Tagen also begebe ich mich TrotzdemUndImmerWieder zum Klingeln an die Festung. Es ist eine besondere Demütigung, an der Gegensprechanlage in eine Videokamera lächeln zu müssen und eine Absage nach der anderen zu bekommen. (Hey! Hat das was mit MIR zu tun?) (MirDiePaarHühnerfedernAufDemKopfZurrechtZupf). Ähem.
Jedenfalls steh ich da also, wieder, mit Baby vorm Bauch und es regnet und regnet – da steuert Brigitte auf die Tür zu und schüttelt ihren Regenschirm aus. Und zückt den Schlüsselbund. „Wollen Sie vielleicht rein?“ fragt sie freundlich. Verzweifelt, wie ich bin, trage ich mich ihr an.
„Ach, Sie kenn ich doch“, unterbricht sie mich gleich und lacht, „ich hab über Sie im TIP gelesen!“ Ui. Rot werd, bunter Hund ich. „Wollen Sie vielleicht, warten Sie, ich lass Sie erstmal rein“, sagt Brigitte und sperrt die Haustür auf. „Ich würde Sie ja reinlassen – aber ich komm gerade nach Hause, wie Sie sehen, klingeln Sie doch erstmal dort und dort“, empfiehlt sie mir – „und wenn Sie kein Glück haben, dann können Sie immer noch mal bei mir klingeln.“
Ich bin verwundert. Hier, in der Festung, ein Gespräch über mehrere Sätze? (Ich bin ungerecht, ich weiß, Axel hat mich ganz am Anfang, zu Wettbeginn, schon in die Festung rein gelassen – und Axel war ein ganz wunderbarer Hausbesuch. Aber: wer übertreibt, schildert anschaulich. Und ich bin gerne anschaulich.)
Ich klingle also dort und dort. Auch dort und dort ist man freundlich. (Schade. Sollte ich schon wieder ein Feindbild an den Nagel hängen müssen?) Man hat nur heute keine Zeit, beziehungsweise die Krankheit in der Wohnung.
Da öffnet sich unverhofft eine Tür und Brigitte ruft ins Treppenhaus: „So kommen Sie schon zu mir, ich kann ja gar nicht mit anhören, wie Sie klingeln – um diese Zeit suchten Joseph und Maria eine Unterkunft, und Sie sollten nirgends eingelassen werden?“
Brigitte zündet die Kerzen am Adventskranz an, rollt Tennisbälle für mein Baby über das Parkett und kocht uns einen Lady Grey.
Mein Baby sortiert ungefragt Brigittes Buchhaltung. Viele finden ja, dass ich mit Baby so wunderbar harmlos wirke und vermuten, dass ich wohl leichter reingelassen werde. Ob dem so ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich lieber ohne Baby unterwegs bin. Denn so bin ich andauernd mit der Rettung von entweder meinem Baby, oder dem hausbesuchten Eigentum beschäftigt. Ich kann mich einfach viel weniger konzentrieren. Wie auch, wenn ich in Sekunden zum Baby hechten muss, um es vor dem langen Spiegel zu bewahren, der nach dem Hey,WasIstDASDennIrresGerüttel gerade in Zeitlupe auf das Baby herab umkippt. (So also fühlt sich Superman, als er den Personenzug drei Zentimeter vor dem Abgrund stoppt).
„Also ich finde die Menschen hier sehr nett“, sagt Brigitte, „und komme gut mit ihnen zurecht. Allerdings fühle ich, als Alleinstehende, mich schon manchmal ziemlich ausgegrenzt, hier im Prenzlauer Berg. Also, es ist einfach schwer, als erwachsener Single wahrgenommen zu werden.“ Dabei ist Brigitte gar kein Single, nur wohnt ihr Freund in Köln, wo Brigitte zuvor gelebt und gearbeitet hat. Bis der Arbeitsplatzumzug nach Berlin kam, vor acht Jahren.
Vor vier Jahren zog Brigitte in diese Wohnung. „Als ich die Wohnung gesehen habe, hab ich zu der Dame von der Hausverwaltung gesagt: „Die Wohnung und ich, wir mögen uns. Aber nicht zu diesem Preis.“ Und dann bin ich gegangen. Und eine Woche später, ich war da gerade im Urlaub, hatte ich einen Anruf von der Wohnungsverwaltung auf meinem Anrufbeantworter, dass, wenn ich noch immer an der Wohnung interessiert wäre, ich mich melden könne.“ Sie zuckt mit den Schulten. „Ich weiß auch nicht, wieso. Aber dann haben die mir ein Angebot gemacht. Und ich hab die Wohnung genommen.“
Brigitte verrät mir den Preis. Mir schlackern die Ohren. Das ist ein Schnäppchen, da hat manch UmsetzAlteingesessenWohnender schon schlechter verhandelt. „Vielleicht kommt da ja das Schwäbische durch: wir schauen auf’s Geld. Also, nicht im Sinne von Wir-sind-geizig, sondern im Sinne von Wir-wissen,-wie-viel-wir-für-was-zahlen-wollen.“ Na, sag ich, da wär ich auch gern Schwäbin.

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