Kann sich eigentlich irgendjemand vorstellen, wie deprimierend es ist, im dunklen Nassniesel vor einem Haus zu stehen, in dem dreiundsechzig Parteien leben, und alle dreiundsechzig Parteien sind offensichtlich zu Hause, denn dreiundsechzig Mal klingle ich, dreiundsechzig Mal antwortet jemand an der messingpolierten Gegensprechanlage, (ich klingle natürlich dreiundsechzig Mal jeweils woanders, nicht immer beim selben), dreiundsechzig Mal sage ich meinen Spruch auf, und dreiundsechzigmal will mich niemand hinein lassen?
Niemand?
Noch nicht mal INS Haus, auf dass ich an den Wohnungstüren klingeln kann? („Neeee“, sagte einer, „bleiben Sie mal schön unten!“ – und legt auf.) (ein anderer, auf mein ZweihundertInZweihundertTagenUndHundertAchtundzwanzigHabIchSchon: „Na, dann sind’s ja nicht mehr so viele!“ – und legt auf.) (und wieder eine andere, auf mein IchLadeMichSelbstZuKaffeeUndKuchenEin: „Ja, aber ganzsichernichtbeimir!“ – und legt auf)
Puh. Das ist niederschmetternd, denke ich, mit kalten Füßen und triefender Nase, ich geh nach Hause. Heiße Schokolade, (ach, schnickschnack: heißer Grog.), Fußbad und: Bett. Ob ich diesen Grießklößen vorher noch was an die ohsoschönverputzte BlitzblankeWestenFassade schmiere? Hab nur leider keinen Edding dabei. Nicht mal nen Bleistift. Aber ich könnte ja auch einfach schnell in die Ecke pinkeln.
Da entdecke ich hinter mir (ja, ich sehe mich TATSÄCHLICH nach Eckpinkelmöglichkeiten um!) eine Überwachungskamera, die mich jetzt eine Stunde lang (ja, spinnen die? Denken die denn, ich hab ZEIT für so was? Der Sand rieselt und rieselt schließlich, blöder Wettrückstand, blöder) beim InDieGegensprechanlageBlöken gefilmt hat. Noch demütigender. Ich bereue aufrichtig, einen Abstecher in die Winsstraße gemacht zu haben (da sind sie frischer, dachte ich, da hab ich wenigstens noch nicht alle schon mal abgegrast).
Pah! Da ist mir meine Immanuelkirchstraße schon lieber – und, wo ich doch gerade dabei bin: geh ich doch noch mal eben zur Festung. Bevor ich mich ins Bett lege. Denn so schlimm, wie DAS hier, kann selbst die Festung nicht sein.
Gut. Geh ich also zur Festung. Klingle einmal. Und bin drin.
Ähem.
Hiermit erkläre ich reumütigst und von den Zinnen herab: die Festung ist gefallen. Es hat sich ausgefestet. Liebe Festungsbewohner: ich tat euch unrecht. Es geht immer noch schlimmer. Nur, weil ihr einen repräsentativen, (im Volksmund auch einfach: abschreckenden) Eingangsbereich habt, seid ihr nicht anders, als die anderen Häuser der Straße. Die einen Bewohner lassen mich rein. Die anderen nicht.
(Zwar könnten es bei euch noch mehr werden. Aber ihr macht euch.)

Tolle Geschichten über den deutschen Alltag!
Ich hoffe, Du machst ein Buch draus!
Sag mir Bescheid, wo und wann ich es kaufen kann!
Durchhalten Rotkapi …!!
Beste Grüsse von Al