An der Tür klebt ein Zitat von Albert Schweizer: „Lass niemanden zu dir kommen, ohne dass er glücklicher von dir geht“. So, so, denke ich. Mal sehen. Und klingle.
Eugénio öffnet, das Handy am Ohr. Ich kann noch nicht einmal den ANSATZ einer GESTE machen, ich kann noch nicht mal LUFT für den Ansatz einer Geste holen, da winkt er mich schon herein. Telefonierend. Macht die Tür hinter mir zu. Dreht sich um und verschwindet in einem Zimmer. Ich bin baff. Vielleicht, vielleicht hält er mich ja für jemand andern, denke ich, für den Besuch von jemand anderem, vielleicht, vielleicht ist das ja hier ne WG. Da kommt Dörte aus dem Zimmer und entdeckt mich im Flur. Ich, setze ich an, stotter, erklär, (was tu ich in ihrer Wohnung), eigentlich würd ich jetzt lieber wieder im Treppenhaus stehen, draußen, als mich schon mitten in die Wohnung hineingeplatzt um ein Äh,IchBinZwarSchonDrinAberDarfIchReinKommen zu winden. Aber Dörte lässt mich sowieso nur bis zum IchHabStollenDabei kommen, das ist, ziemlich genau, das letzte Drittel meines ersten Satzes also. „Also, Stollenzeit ist gerade nicht, ist ja schon so spät – aber wir haben, Eugènio, was hast du gekocht? Reis. Du kannst Reis mitessen.“
In der Küche wird einfach noch ein Teller für mich zu den anderen dazugestellt. Mit einer beispiellosen Selbstverständlichkeit. Ema, die älteste Tochter (der älteste Sohn ist schon ausgezogen), kommt in die Küche, fragt nicht nach wer und fragt nicht nach was, sondern geht gleich mit ausgestreckter Hand direkt auf mich zu: „Hallo, ich bin Ema.“ Dann kommen noch Jolanda und Naima und setzen sich auf die ausrangierte Kirchenbank an den Esstisch. Völlig klar, dass ich hier bin. Wow. Angenommen, ich käme je in Not – ich wüsste jetzt Leute, bei denen ich nicht nur klingeln KÖNNTE, sondern auch WÜRDE. (und das heißt sogar mehr). Ja, ich bin baff. To. Tal. Baff.
Sitz ich also hier mit am Familientisch und… zögere etwas, als alle auf dem Teller haben. Warte ab. Wo man so herzlich ist, denke ich, also so… nächstenliebend, da betet man sicher auch vor dem Essen. Denke ich tatsächlich. Aber man betet nicht. „Mahlzeit“, sagt Ema, hebt das Besteck und sieht auffordernd einladend in meine Richtung. Lecker ist es.
Und jetzt wird natürlich doch geplaudert, wer ich bin, was ich mache, und so weiter. Aber: jetzt erst. (ImmerNochTräumIchAugenReib).
Eugénio und seine Familie leben jetzt seit fast 16 Jahren in dieser Wohnung. „Als wir über die Gemeinde erfahren haben, dass diese Wohnung hier frei wird, haben wir uns beworben. Und wurden genommen. Wohl aus… sozialen Gründen. Oder?“ fragt Dörte Eugénio, „das war doch die Zeit, in der du arbeitslos warst?“
Eugénio kam 1981 als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR. Eigentlich waren die Vertragsarbeiterverträge nur auf vier Jahre befristet, sein Vertrag aber wurde verlängert. 89 haben sich Eugénio und Dörte kennengelernt. „Da war Eugénio also schon acht Jahre in der DDR. Eine Freundin von mir hat im Wohnheim gearbeitet, wo die Vertragsarbeiter alle untergebracht waren. Und sie hat mich gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte, zu zweit wäre es einfacher, als allein, allein wäre es immer so anstrengend, sich die Männer vom Leibe halten. Ja, und da ist mir Eugénio begegnet. Meine Freundin wollte das nicht, die fand das nicht gut. – Wir sind aber trotzdem noch befreundet.“
„Es war nicht gewollt, dass Vertragsarbeiter und Bevölkerung Beziehungen zueinander unterhielten. Deswegen musste man sich im Wohnheim auch mit Personalausweis an der Pforte anmelden. Und um 22 Uhr das Gebäude verlassen haben. Sonst wurde man von einem Aufseher rausgeholt. Und das, obwohl wir alle erwachsene Menschen waren.“
„Als dann die Vereinigung war, 1990, da sollten alle Vertragsarbeiter abgeschoben werden. In Mosambik war da gerade Krieg. Eugénio sollte also in die Unsicherheit fliegen. Aber dann haben wir von einem Verein erfahren, dass man nach so langer Aufenthaltszeit gegen diese Abschiebung Widerspruch einlegen kann. Und das haben wir getan. Aber es war ein ziemliches Glück, dass wir von dieser Möglichkeit überhaupt erfahren haben.“
Darf ich wenigstens jetzt, als Nachspeise und Revanche, meinen Stollen rausholen, frag ich. Eugénio schaut auf die Uhr. Jetzt erst krieg ich mit, dass Eugénio und Dörte verabredet sind. Und zwar um: genau jetzt. Ui, da brech ich natürlich sofort auf, sag ich. „Nein, nein, wo du schon einmal hier bist, haben wir auch noch Zeit für ein Stückchen Stollen.“ Nochmal wow. Ich bediene mich also (aufgefordert natürlich) um ein Messer an der Schublade.
„Früchtebrot und dergleichen“, verkündet Ema fröhlich, „muss man ganz dünn schneiden, damit man von allen Früchten möglichst gleichmäßig im Mund hat, für das Geschmackserlebnis.“ Dann übernimm du, ich bin eher so der Kantenhacker. Ema schneidet drei hauchdünne Scheibchen und halbiert sie. Sechs halbe Scheibchen. Wir sind sechs. Schneid ruhig mehr, forder ich sie auf. „Das ist schon gut so“, sagt Dörte, „wir haben zu Weihnachten so viel Kuchen bekommen – schau mal hinter dich – wir freuen uns, wenn wir jetzt ein kleines Stück naschen dürfen, das reicht vollkommen.“ Ich schneide mir allerdings noch eine Scheibe ab, eine dicke. Aber nicht vom Stollen.

Einfach wunderbar, dieses Experiment und die Momente, die es hervorgebracht hat. Danke für die Feldforschung, es war mir ein Fest!
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