Noch 26 Tage und schon 127 Kaffees: Herr und Frau H.

Ich will Jan, dem Redakteur, zeigen, wie schwierig es ist, in die Festung reinzukommen. Vorführeffekt. Keine Sprüche. Keine Kommentare. Schon beim ersten Klingeln werden wir hoch gebeten.

H.s begrüßen uns im Flur, „wir haben nicht viel Zeit, weil wir gleich bei Nachbars eingeladen sind – wenn die anrufen, müssen wir los“, Frau H., feuerrotes Haar, pfiffig und exakt geschnittener Bob, verteilt an uns Hausschuhe, wegen des Eichenparketts. Herr H. kocht sich und mir Schwarztee – und ist auch ein gentler Nachschenker. (Zwischensumme: bisher gab es ZWEI gentle Nachschenker, also Nachschenker, die wortlos und selbstverständlich dafür sorgen, dass MEIN Getränkepegel nie Normalnull erreicht).

Ich kenne mittlerweile Jan gut genug, um seine veränderte Körperspannung wahrzunehmen. Er kombiniert bereits reporterfreudig Festung, Eichenparkett, Inneneinrichtung und diesen gewissen gehobenen Umgangston, ich seh es ihm an. Am liebsten würde er mich anstubsen, unterm Tisch, ich weiß es. (Ach, wie trübe wird es ohne Jan werden).

„Wer sagt Ihnen denn, dass wir keine Yuppies sind?“ fragt Frau H. amüsiert, als wir am antiken Esstisch sitzen, die Kerzen am Adventskranz brennen, und ich meine FeindbilderEinführung gebe. Ach, sage ich, Sie dürfen ruhig Yuppies sein, Hauptsache, Sie lassen mich rein. Aber – sind Sie denn Yuppies?

„Wir sind es nicht, aber hier im Haus dürften Sie fündig werden“, verrät Frau H. Und erzählt. „Wir wohnen hier schon seit den 70ern. Dieses Haus war das letzte in der Straße, das saniert wurde, und bis dahin sah es so aus, wie das, von dem die Touristen jetzt ihre Fotos machen. Das, wo man in der Fassade noch die Einschusslöcher sieht.“

„Das Haus hier war schon, als wir einzogen, ziemlich runtergekommen. Wir brauchten dringend eine neue Wohnung, weil wir zu fünft in einer Zweizimmerwohnung gewohnt haben, mit noch einem Freund, der bei uns untergeschlüpft war. Und es war so, dass man in der DDR eine Wohnung zugewiesen bekam, die konnte man sich nicht einfach so suchen. Und die Wohnung, die man zugewiesen bekam, die konnte man zwar ablehnen. Aber dann bekam man erst ein halbes Jahr später wieder eine Wohnung zugewiesen.”

“Ich hatte schon zwei Wohnungen abgelehnt. Mein Mann hat mich schon für verrückt erklärt. Und dann, als ich diese Wohnung gesehen habe, hab ich sie sofort genommen. Obwohl sie total heruntergekommen war. Es war nämlich so, dass die heruntergkommenen Wohnungen natürlich nur den Studenten und den jungen Leuten und den Sozialfällen angeboten wurde, weil die so ungemütlich waren. Aber hier wohnten Leute, die hatten alle zwei Hände und einen Kopf. Heute haben die meisten ja leider weder noch. Dafür hauptsächlich einen Mund.“

„Und so haben sich diejenigen, die hier gewohnt haben, ihre Wohnungen eben selbst schön gemacht. Es war ein richtiger Wettbewerb, an Material für die Renovierung zu kommen.“

„Und der Besitzer – denn es gab ja damals schon jemanden, der das Haus hier besessen hat – der hat sich überhaupt nicht für die Bausubstanz interessiert. WENN etwas gemacht wurde, dann wurde nicht die Diele ausgebessert, dann wurde nur Beton drüber gegossen. Noch nicht einmal ein Estrich, das war der blanke Beton.“

„Ich habe zu Freunden gesagt, bitte, wenn ihr ins Haus geht, macht unten Augen und Nase zu und erst hier oben bei uns wieder auf. Den Hauseingang benutzten alle, die Kneipe war ja ums Eck, um sich zu erleichtern, dementsprechend roch es auch.“

Das Telefon klingelt. Herr H. verschiebt diskret nach hinten.

„Wir hatten uns dafür eingesetzt, dass wir eine Gasetagenheizung bekamen – kennen Sie sich mit Physik aus? Wir hatten einige Mal Stromausfall, da musste mein Mann mehr als einmal die glühenden Kohlen aus dem Ofen holen, sonst wäre uns das um die Ohren geflogen.“ „Mehr als einmal?“ brummt Herr H., „das war EINmal. Dann hab ich da immer Sand draufgeschüttet.“

„Naja, trotzdem war das ein Luxus. Ich hätte auch jeden Morgen zwei Stunden von Ofen zu Ofen hetzen können. Und dann wurde das Haus nach und nach entmietet, weil ja saniert werden sollte. Zum Schluß wohnten nur noch wir und noch eine andere Partei hier.“

„Aber diejenigen, die weggezogen sind, die konnten es sich schließlich aussuchen“, fügt Herr H. an. „Die haben dafür eine großzügige Abfindung erhalten, die war auch angemessen, wie ich finde – damit wurde der Umzug bezahlt. Und sie mussten nicht gehen, sie hätten auch bleiben können. Das war ihre Entscheidung.“

„Wenn wir jetzt hier neu einziehen würden, dann würden wir horrende Mieten zahlen.“

„Woher weißt du das denn?“ fragt Herr H. „Na“, gibt Frau H. zurück, „weil die über uns mir erzählt haben, was sie zahlen! Wir sagen hier niemandem, was wir zahlen. Wir haben nämlich noch einen alten Ostvertrag, ich weiß nicht, ob das den neuen Besitzern klar wahr, als sie die Wohnung hier gekauft haben. Wenn wir hier ausziehen, dann müssen wir die Wohnung BESENREIN übergeben! Ach, was soll’s, Ihnen sag ich, was wir zahlen:…“ Es ist wirklich unverschämt günstig.

„Mein Mann hat das große Los gezogen, nach der Wende, er hat eine feste Anstellung bekommen, dafür fährt er auch jeden Tag nach Frankfurt Oder, hin und zurück. Ich wurde arbeitslos. Ich wurde zwar noch ein paar Mal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Und nicht nur einmal einfach nur deswegen, weil man sich mich Ossi ansehen wollte. So, so, vierfache Mutter und Ingenieurin, wie hat die das wohl hingekriegt, was ist das wohl für eine.“ Sie lacht. „Ja, wenn ich mir heute vorstelle, wie ich das früher hingekriegt habe, dann weiß ich das jetzt auch nicht mehr.“

„Jedenfalls habe ich mich dann entschieden, noch einmal neu anzufangen, und das zu machen, was ich eigentlich tief in mir drin schon immer einmal machen wollte, ich hab eine Agentur gegründet. Und das macht mir total Spaß. Andere haben sich ja dafür entschieden, nach der Wende die Hände in den Schoß zu legen, nachdem sie abgewickelt wurden – für mich war das ein Sprung ins kalte Wasser, und ich bin froh darum!“ Sie strahlt.

Das Telefon klingelt ein zweites Mal. „Schieb doch noch ein bisschen raus!“ bittet Frau H ihren Mann.

„Und“, fragt mich Jan später, als wir draußen sind „wie ist es für dich, in so eine… Wohnung zu kommen?“ Das ist nicht anders für mich, (schulternzuck), als in jede andere Wohnung zu kommen, sag ich. Jan ist natürlich unzufrieden mit der Antwort. „Ja, aber, denkst du dir nicht deinen Teil? Hier war es ja so, man kommt rein und denkt, alles klar, das sind Gentrifizierer par excellence, und dann stellt sich raus, dass sie schon seit den 70ern in dieser Wohnung wohnen…“ Tja, sage ich und muss milde grinsen (ich WUSSTE es), DU bist der Hausbesuchsanfänger. (NägelAnhauchUndAmKragenPolier). So ging es mir am Anfang auch. (FönwelleNachHintenWerf). Und ich lag JEDESMAL mit meiner Einschätzung daneben. JEDESMAL. Dann hab ich mich konzentriert, und mich noch mehr konzentriert, bis es mir endlich gelungen ist, mir KEIN Urteil zu machen, KEINE Schublade parat zu haben, KEINEM ersten Eindruck zu folgen.

Und jetzt, endlich, klappt es auch zuverlässig (hat ganz schön gedauert, der AhJaAllesKlarIchWeißBescheidMechanismus sitzt ziemlich fest im Sattel, dieser Hund!). Wenn ich in eine Wohnung komme, sei die jetzt messi oder abgeranzt oder schwedischesmöbelhaus, bin ich nur Schwamm und zu keinem Zeitpunkt mit einer Einordnung beschäftigt. Oder auch nur einem Kommentar, einem gedanklichen. Und das ist großartig. Hausbesuchen ist wie Achterbahnfahren. Da denkst du ja auch nicht nach, wie die Strecke wohl weiterhin verläuft, oder auf welcher Höhe die anderen Wagen gerade so sind. Es sei denn, die Achterbahn ist Pippikacka. Den meisten Spaß hat man doch, wenn man gar keine Zeit für seine eigenen, faden Gedanken und die ollen Klischées hat.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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