Es gibt einen Grund, warum ich in letzter Zeit nichts geschrieben habe. Keine Hausbesuche mehr machen konnte. Pause brauchte. Schon mal eine Woche vor Quartalsende versucht, in Berlin einen Kassenarzt aufzutreiben? Das ist fast wie Hausbesuchsklingeln, bis man eine Praxis gefunden hat, die noch nicht ” in Urlaub” gegangen ist, weil ihr Budget bereits erschöpft, die maximale Punktezahl erreicht ist und jeder weitere Patient ein Umsonstgeschäft, ach was, ein Draufzahlgeschäft wäre. (Das ist ein kompliziertes System, ich kann es erklären. Aber nicht jetzt).
Jedenfalls: ich bin auch eine Kassenarztpraxis. Mein Budget war erschöpft. Ausgereizt. Limit erreicht. Maximale Glücklichkeit, maximale Tornisterfülle, maximale Sättigung, die ein Jahr gerade noch so halten kann. Bevor es aus den Nähten platzt. Aufnahmetaste: stop. Schmetterlingsnetz: ablegen. Ruder: einholen. Zurücklehnen. Augen schließen. Wassergeplänkel. Vogelgezwitscher. (Ja, auch im Winter). (Mein See ist ein sehr praktischer See).
Verliebt sein. In ein Leben. Und klein werden, da, in meinem Schaukelböötchen auf dem Sommersee in dem Birkenland auf der Hellblauwelt. Ganz klein. So ein klitzekleines Würmchen in so einem klitzekleinen Böötchen auf zufällig so einem großen See in einem kleinen Land irgendwo auf der weiten Welt. (Kamerafahrt nach oben). (Und immer noch weiter nach oben). (Hui, das geht ganz schön weit nach oben). (Uah, Hilfe, Stop!) (STOP!!!)
Ich habe dich vor ungefährziemlichgenau einem Jahr kennengelernt. Damals hieltst du mir ein Baby entgegen und sagtest trocken, so, das wär jetzt meins. Ich mochte diesen ironischen Zug um deinen Mund. Auf Anhieb. Damals schon dachte ich, einen Moment lang zumindest: wow. Was für ein Jahr.
Aber dann sind wir uns eine ganze Weile lang nicht mehr begegnet (ich hatte keine Zeit), (und du wohl auch nicht), und, ehrlich gesagt: ich hatte dich vergessen. (Nur hin und wieder morgens ein Liedchen gesummt).
Dann aber hab ich dich ein paar Monate später wieder getroffen. Wörtlich. (Wir sind ineinander gerannt). Habe dabei meinen Latte Macchiato verschüttet, (kein Getränkehalter), du hast ordentlich davon abbekommen, bauchnabelabwärts: Shirt (rot), Hose (kurz), Beine (nackt). Du hast dich nicht darum geschert. (Das imponierte mir). Hast mir nur in die Augen geschaut, (Knie weich), mir deine Nummer gegeben und bist weiter gegangen. Wir haben uns nach einander umgedreht. Gleichzeitig. (ImBauchWieWennDerLiftNachUntenFährt).
Du hast mich zum Lachen gebracht. Zum Weinen. Zum Nachdenken. Gut, das haben die anderen auch, die vor dir. Aber mit dir war es … anders. Mit dir bin ich zum ersten Mal (jetzt erst, kürzlich) über einen Weihnachtsmarkt (Alex. Königsdisziplin) spaziert, ohne Panik zu bekommen, inmitten der Menschen. Im Gegenteil sogar. Ich hatte sie alle lieb! Wollte jeden einzelnen von ihnen umarmen. (Jeden. Einzelnen. Ork.). Ich fühlte mich WOHL. Ich MOCHTE den Mensch. (hä?) Ja.
Du hast mir jede Priorität genommen. Ich bin nicht länger wichtig. (Und immer noch wichtig genug). Du hast mir Türen geöffnet, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Du hast mir Menschen vorgestellt, die mich berührten. Bewegten. Darunter Menschen, die meine Freunde wurden. (Auch ich war darunter – und auch das ist neu). Und mit den Menschen, die schon vorher ein Teil von mir waren, hast du bis in die Puppen gesessen in unserer Küche, geredet, gegessen, Karten gespielt. Verdammt, du warst einfach richtig gut. (du Hecht.)
Hast mich Würmchen mit weichen Zähnen am Kragen gepackt und in deinem Maul an den Rand meines Tellerchens getragen. Mich abgesetzt. Mir einen Schubs gegeben, einen zärtlichen, deutlichen. (Siehe da, das Würmchen hat Beine!) (Viele Beine.) (Das Würmchen ist ein passabler Tausendfüßler!) (Ihh. Nein. Das Würmchen ist doch kein passabler Tausendfüßler. Das Würmchen will doch lieber wieder ein Würmchen sein). Hast mir mehr zugetraut, als ich.
Du warst großzügig. Und großspurig. Und großartig.
Du hast mich meine Nächte gekostet. (Ich habe sie ausgekostet). Hast mich glücklich gemacht. So glücklich, ich könnte mich zu den (anderen) Silvesterböllern stellen – zu denen, die am Weitesten nach oben schießen und dann in einem grünen Sternenregen explodieren. Kawumm.
Ich bin und war sicher nicht die Einzige. (woher nimmst du nur die Zeit). Aber um so besser. Seit dir teile ich sogar gerne. Genauer: DICH teilte ich gerne. Du warst ein phantastisches Jahr. Danke, 2011. Danke, Leben.
Und jetzt her mit 2012!!! Ich will jodeln! Und ihr sollt auch jodeln! Jiieeechha! Guten Rutsch!
